Netzwerktreffen Materialforschung im Design

Netzwerktreffen Materialforschung bei Aufschnitt – Design Week Berlin 2026

Die Design Week Berlin 2026 hat das Studio Aufschnitt in der Boxhagener Straße in einen Ort des Austauschs und der Begegnung verwandelt. Materialforschung, Naturfasern, Kreislaufwirtschaft, Moore und Leder aus Pflanzen – Themen, die selten auf großen Bühnen landen, aber genau dort wirken, wo Transformation beginnt: im Gespräch, im Zuhören, im Querdenken. Fünf Vorträge, fünf Perspektiven, ein roter Faden: Wie kommen neue Materialien in die Welt – und welche Rolle spielt Design dabei?

Wir haben Wissenschaftler, Künstler und Kommunikatorinnen eingeladen, die an ganz unterschiedlichen Punkten der textilen Wertschöpfungskette arbeiten. Menschen, die täglich an den Fragen arbeiten, die unsere Branche in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Was steckt in der Pflanze? Was passiert mit dem Textilabfall? Wie fühlt sich ein Material an, das noch niemand kennt? Und was hat ein Moor mit Design zu tun?


Speaker

Patrick Engel, Leiter des Kompetenzzentrums Vliesstoffe beim Sächsischen Textilforschungsinstitut e.V. (STFI) aus Chemnitz, eröffnete den Reigen. Das STFI ist eine freie Industrieforschungseinrichtung mit einer Anlagenvielfalt, die in Europa einzigartig ist – alle Vliesbildungs- und Verfestigungsverfahren unter einem Dach. Ein großer Spielplatz für die Materialforschung. In seinem Vortrag zeigte Patrick anhand konkreter Beispiele, wie technische Textilanwendungen und Design zueinander finden – und warum Designarbeiten dazu einladen, bekannte Technologien aus neuen Blickwinkeln zu betrachten.

Dr.-Ing. Carsten Lühr vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB Potsdam) stellte eine der grundlegendsten Fragen des Abends: Was steckt eigentlich in der Pflanze? Sein Vortrag gab Einblicke in die technologischen Entwicklungen rund um die Aufbereitung von Naturfasern aus Agrarbiomasse – von Flachs und Hanf bis hin zu Nasswiesenbiomasse und Restbiomassen ganz anderer Produktionszweige. Von der landwirtschaftlichen Produktion bis zur industriellen Anwendung, mit einem weiten Spektrum an Faserqualitäten und der klaren Botschaft: Haptik und Optik spielen heute eine genauso entscheidende Rolle wie technische Anforderungen.

Morgan-Lee Wagner, Communications, Partnerships & PR bei revoltech GmbH aus Darmstadt, stellte LOVR™ vor – eine pflanzenbasierte, plastikfreie Alternative zu konventionellem Leder. Nicht als Nischenprodukt gedacht, sondern skalierbar und industriell einsetzbar. Ihr Vortrag kreiste um die Frage, die hinter jedem neuen Material steckt: Wie kommt eine Idee in ein echtes Produkt? Und warum reicht es nicht, wenn ein Material nur innovativ klingt – es muss auch fühlbar, anwendbar und glaubwürdig in realen Produkten funktionieren.

Hagar Napadow, Projektmanagerin bei Re:Fresh Global, machte deutlich, wie groß das Problem – und wie konkret die Lösung sein kann. Weniger als 1 % der weltweit jährlich anfallenden rund 92 Millionen Tonnen Textilabfälle werden heute recycelt. Re:Fresh Global setzt dem ein enzymatisches Verfahren entgegen, das gemischte Alttextilien in zwei neue Rohstoffe verwandelt: Re-SanPulp™ für Vliesstoffe und Textilien, Re-Celloop™ für Kosmetik und Verpackungen. Das lizenzierbare SmartUp™ System macht daraus modulare Mikrofabriken – skalierbar, regional einsetzbar, jobschaffend. Ihr Vortrag zeigte, wie Design zur Brücke wird zwischen Nachhaltigkeit, Industrie und Ästhetik.

Daniel Hengst, Künstler aus Leipzig, schloss den Abend mit dem Titel, der am meisten Fragen aufwarf – und am meisten zu reden gab: „Moore kuscheln.“ Seit 2019 beschäftigt er sich künstlerisch mit Mooren und Moorwiedervernässung, in VR-Arbeiten, Licht- und Soundinstallationen, Texten und zuletzt in Soft Sculptures aus nachhaltigen Moormaterialien. Jahrhundertelang galten Moore als nutzlos, wurden trockengelegt und zerstört. Heute sind sie als massive CO₂-Emittenten wieder im Fokus. Zusammen mit Wissenschaft, Industrie und Design untersucht hengst die textile Nutzung von Rohrkolben – und fragt, wie neue Nutzungsformen entstehen können, die Menschen, Pflanzen und Tiere gleichermaßen im Blick haben.


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Voelkel aus dem niedersächsischen Wendland sorgte für die Getränke – Ingwer Shots, Limonaden in Matcha, Gurke und Rhabarber, Maracuja- und Johannisbeersäfte. Bio, bunt, erfrischend. Und weg, bevor wir schauen konnten. Ein Familienunternehmen, das seit über 100 Jahren auf biologisch-dynamischen Anbau setzt – mit derselben Leidenschaft wie am ersten Tag.

Die AMANN Group aus Bönnigheim übernahm die Druckkosten und sorgte für Schlüsselbänder, Blöcke, Kugelschreiber und Kaugummis. Seit 1854 einer der führenden Hersteller von Näh- und Stickgarnen weltweit – und seit Jahren fester Bestandteil von Silvias Studio. Ihr Lieblingsbegleiter: das kleine Handmaß mit allen Infos zum Fadenbedarf pro Stichtyp.

Die Heinrich-Böll-Stiftung stellte den Mooratlas und den Fleischatlas zur Verfügung – passend zu Daniel Hengsts Vortrag und Silvias Herzensthema Vegetarismus. Beide liegen noch im Studio aus. Einfach vorbeikommen in die Boxhagener Str. und nachfragen.


Studio Aufschnitt – 20 Jahre. Und wir machen weiter.

Seit zwei Jahrzehnten ist das Studio Aufschnitt ein Ort für Nischenthemen, die unsere Gesellschaft berühren und verändern. Themen entlang der textilen Wertschöpfungskette, die selten auf großen Bühnen landen – aber Brücken bauen zwischen Wissenschaft, Design und Industrie. Wir glauben daran, dass wer versteht, wie ein Material entsteht, andere Entscheidungen trifft.


Wenn Ihnen die Vortragsreihe gefallen hat – wir machen weiter. Aus unserem Netzwerk heraus lassen sich vielfältige Themen entlang der textilen Wertschöpfungskette entwickeln: neue Speaker, neue Perspektiven, neue Verbindungen. Diese Arbeit braucht Zeit und intensive Vorbereitung. Wenn Sie uns dabei finanziell unterstützen möchten, freuen wir uns sehr über eine Spende.

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